Atempause
Das Wettbewerbsdilemma
Das bevorstehende EMF bietet Gelegenheit, sich wieder einmal Gedanken zum Wettbewerbswesen zu machen.
Wir sind alle in einer Wettbewerbskultur aufgewachsen und haben erfahren, wie es ist, unter Druck das Beste zu geben oder aber daran zu zerbrechen:
Konkurrenz ist ein zentrales Prinzip unserer Gesellschaft.
Das Wesen der Musik ist das Musizieren; das Vermitteln von Gefühlen, Empfindungen und inneren Welten. Punktezählen hat nichts mit Musizieren zu tun! Braucht es den Wettbewerb, um persönlich oder als Verein weiterzukommen, sich zu verbessern und nach Exzellenz zu streben? Die Verhaltensforschung lehrt uns, dass Exzellenz eher in einem kooperativen als in einem kompetitiven Umfeld erreicht wird.
Ist es ur-menschlich, die eigene Leistung zu messen und im Wettkampf mit derjenigen von anderen zu vergleichen? Oder ist dieses Prinzip etwas mühsam Erlerntes, das uns gar nicht weiterbringt, sondern drangsaliert und bremst? Der dänische Philosoph Kierkegaard stellte fest: «Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit».
Im Wettbewerb spielt der Vergleich aber eine wichtige Rolle: Die Erwartungen an uns selbst oder an unseren Verein werden vom Leistungsniveau der anderen mitbestimmt. Es stellt sich die Frage, ob Glück und Wohlbefinden vom erreichten Rang abhängen oder von der Erfahrung, dass die Qualität der Vorbereitung zusammen mit dem Top-Vortrag ein einmaliges, nachhaltiges Musikerlebnis ermöglicht. Aber braucht es nun Wettbewerbe, um diese Erfahrung zu machen …?
Ernst May
Diese Atempause erscheint im Maestro in der Unisono-Ausgabe vom Mai 2026.