Diskussion
Machen Neuinstrumentierungen Sinn?
Der BDV hat Stellungnahmen eingeholt, für die wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bedanken! Und was meinen unsere Mitglieder zur Frage? Schreiben Sie uns unter
Sollten Orchester sich an Kompositionen anpassen oder umgekehrt? Kammermusikversionen symphonischer Werke sind üblich, ebenso die Suche nach dem «ursprünglichen» Klang mit historischen Instrumenten und Stimmsystemen. Für unser relativ neues Repertoire, das für Amateure geschrieben wurde, behaupte ich jedoch, dass gut gelungene Bearbeitungen für unser heutiges Blasorchester besser geeignet sind. Diese Perlen unseres Repertoires werden zu selten gespielt. Es wäre schade, darauf zu verzichten, nur weil die logistischen Mittel fehlen.
Gauthier Dupertuis, Fribourg, Komponist und Dirigent
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«Ich stimme in vielen Punkten zu, insbesondere was die Wahrung des ursprünglichen Geistes betrifft. Jedoch denke ich, dass ein Mittelweg möglich ist. Die Herausforderung liegt darin, die Balance zu finden zwischen historischer Treue und der praktischen Spielbarkeit sowie dem Klangideal heutiger Blasorchester. Flügelhörner und Tenorhörner stehen leider nicht in allen Harmoniemusiken zur Verfügung. Die Blasmusikszene wandelt sich stetig; der Fokus auf neue Werke zeigt Innovationsbereitschaft, während die Pflege alter Musik bewusste Anstrengung verlangt.»
Corsin Tuor, Beauftragter Leitung Studiengang Dirigieren Blasmusik HKB
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Ich sehe das sehr ähnlich wie Josef Gnos. Meine Erfahrung – als Dirigent und «Arrangeur», wie auch als Musiker zB in Siebnen, Sarnen und im Sinfonischen Blasorchester Schweizer Armeespiel – deckt sich häufig mit seiner. Die Neuinstrumentierungen klingen häufig schlechter und unausgeglichener als die originalen, und manchmal haben sie zudem sogar Abschreibfehler und Lücken. Weglassungen/Änderungen in der Originalpartitur mache ich ähnlich, insbesondere bzgl. solistischem Flügelhorn-Einsatz und Einsatz Tenorhörnern/Bariton. Jaeggi zB hatte immer einen grossen tiefen Holzsatz, mit mehrere Alt- und v.a. Bassklarinetten. Saxophone sind bei ihm leider etwas tief und suboptimal gesetzt. Meine Erfahrung ist, dass man bei Stephan Jaeggi, Franz Königshofer, aber insbesondere auch bei Hans Moeckel, kaum etwas ändern sollte – nicht zuletzt auch aus Respekt gegenüber der Schweizer Rezeptionsgeschichte in der Bläsermusik. Aber man soll auch nichts dazufügen, das nicht original ist, sprich Schlagzeug (zB Mallets). Bei Paul Huber bin ich mir nicht so sicher, ob man nicht doch «optimieren» kann und soll – es klingt auch im Original öfters zu «obertönig», schrill und nicht ausbalanciert (siehe Alfred Reeds Aussagen zu Euphonien, Klangmodell der umgekehrten
Pyramide).
Urs Bamert, Dirigent Blasorchester Feldmusik Jona, Sinfonieorchester Kanton Schwyz uvm.
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Grundsätzlich stimme ich der Überlegungen von Josef Gnos zu, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass Stephan Jaeggi an der farbigen Neuinstrumentierung der «Ouvertüre in Es» von Gauthier Dupertuis für modernes Blasorchester auch seine Freude gehabt hätte. Man muss bei den älteren Kompositionen aber generell unterscheiden, ob sie von Komponisten stammen, die sich mit dem Medium Blasorchester sehr gut ausgekannt haben (wie etwa Jaeggi und Huber), oder ob es sich um Werke von Tonschöpfern handelt, welche eher ausnahmsweise für reine
Bläserbesetzung schrieben (wie beispielsweise Schmitt oder Saint-Saëns).
Felix Hauswirth, Zürich, em. Professor für Blasorchesterdirektion
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Ich stimme Josef Gnos' Ausführungen voll und ganz zu. Eine komplette Überarbeitung und Modernisierung der Instrumentierung ist sinnlos. Auch das Hinzufügen neuer Klänge, wie etwa von Mallets, ist überflüssig. Stattdessen halte ich es für wichtig, die ohnehin schon beeindruckende Instrumentierung aufzufrischen. Ist der Einsatz des zweiten und dritten Tenorhorns wirklich notwendig? Oftmals handelt es sich ja um eine Verdopplung der Hörner oder Posaunen. Ist die ständige Verdopplung der Sopran Flügelhörner mit den Klarinetten immer zwingend erforderlich? Meiner Meinung nach sind dies die einzig möglichen (und notwendigen) Anpassungen, um eine etwas schlankere Instrumentierung zu erreichen, ohne den Charakter und die Klangfarbe der Originalfassung zu beeinträchtigen.