Dirigentinnenporträt
The Power of Music
Céline Pellmont ist viel unterwegs, ob als Dirigentin, Instrumentalistin, Musiklehrperson für Querflöte und Waldhorn oder als Gastdozentin für Dirigieren. Was sie als Dirigentin besonders fasziniert, ist der lange Prozess, ein Kunststück zu kreieren, um das Publikum zu berühren. Denn Musik sei Gefühl. Ohne Emotionen würden wir keine Musik erleben.
Im Dirigierunterricht vermittelt sie den Studierenden ihre grosse Leidenschaft für die Musik. Es brauche viel Inspiration für eine Komposition und als Dirigentin soll man das Orchester mit viel Energie leiten. Am Anfang stehe jedoch die Technik: «Junge Dirigenten müssen das Handwerk lernen und sich dann immer wieder weiterbilden. Das ist viel Arbeit für alle Künstlerinnen und Künstler.»
Gefühle im Dirigat rüberbringen
Den Fokus von der Technik lösen und die Musik als Inspiration für eine Geschichte nehmen sei entscheidend. Was möchte die Musik erzählen? Beim Dirigieren in Farben und Gefühlen denken. Denn jeder Mensch habe Gefühle und könne diese beim Dirigieren zeigen. Die Frage sei auch immer, was man im jeweiligen Moment erreichen möchte. Wohin geht z.B. der Spannungsbogen? Was passiert, wenn es eine Pause gibt? Denn ohne Pause gibt es keine Musik.
Musik ist immer im Vordergrund
Als Dirigentin solle man authentisch und mit Energie führen, gestisch oder mimisch Emotionen zeigen, im Austausch sein mit dem Orchester und mit der eigenen Präsenz die Musizierenden leiten. Bereits bei der Vorbereitung macht sich Céline Pellmont dazu Gedanken, wie sie die Stellen und Probleme lösen möchte. Ideen aus dem Orchester nimmt sie immer gerne auf, weil sie der Überzeugung ist, dass man voneinander lernen kann.
Faszinierend findet sie immer wieder, welchen Einfluss bereits ihre Präsenz auf das Orchester und die Musik hat. Das Wichtigste für sie ist jedoch immer die Musik.
Zusammenarbeit mit Komponisten als Inspiration
Bewusst wählt Céline Pellmont gute Werke aus. Ihre Kriterien dafür sind gute Instrumentation, verschiedene Klangfarben und abwechslungsreiche Kombinationen von Instrumenten von solistisch bis reich besetzt. Besonders am Herzen liegen ihr Werke lokaler Komponisten, aber auch Kompositionen von jungen Künstlern.
Der Austausch mit Komponisten ist ihr sehr wichtig. Sie lädt diese immer wieder zu einer Probe ein, damit diese den Orchestern erklären können, was die Idee der Komposition ist. Ein besonderes Projekt war, als sie Hardy Mertens beauftragen konnte, für ihren Verein ein Stück zu schreiben. Dabei lernte sie nicht nur ihn als Komponisten kennen, sondern auch seine Familie.
Frank Ticheli hat sie ebenfalls besucht, als sie für ein Konzert in den USA war. «Es ist immer toll, wenn ich meinen Musikvereinen von den Begegnungen mit den Komponisten erzählen kann. So sehen sie, dass hinter der Musik ein Mensch steht.»
Lieblingswerke
Ein absolutes Lieblingswerk hat Céline Pellmont nicht. Sie ist offen und neugierig für Neues aus aller Welt. Die Tonsprache des Komponisten Thiemo Kraas gefällt ihr sehr gut. Aber auch die Werke von Percy Grainger: «Das ist eine andere Welt. Und manchmal schwierig zu verstehen, besonders für jüngere Musiker.» Bei John Mackey’s «The Frozen Cathedral» sei so viel drin, dass es eine grosse Inspiration für die Musikanten sei.
Energie für so viel
Auf die Frage, woher sie die Energie für ihren Alltag nehme, antwortet sie: «Die Energie nehme ich aus meiner Leidenschaft für die Musik. Ich habe ‹The Power of Music› für mich entdeckt und möchte diese mit anderen teilen.» Sie sei eine sehr feinfühlige Person. Dies helfe ihr auch, ihre Gefühle zu teilen. Zudem sei sie eine Nachteule, die wenig Schlaf braucht: «Zum Glück sind die Proben am Abend!»
Dirigentin und Mutter sein ist möglich
Frauen, die dirigieren und Mutter sind; da fehlen die Vorbilder. Trotzdem wollte Céline Pellmont ihrem Traum vom Dirigieren folgen: «Es geht alles, aber einfach ein bisschen anders!» Sie liebt Herausforderungen, daher hat sie nie aufgehört, Musik zu machen. Natürlich gäbe es verschiedene Phasen; gerade, wenn die Kinder noch sehr klein sind, müsse man mehr zuhause bleiben und auf Tourneen oder längere Reisen verzichten. Aber
auch als Mutter habe man einen Platz in der Musikwelt. Sie habe immer auch grosse Projekte realisiert.
Muttersein brachte Neues in ihr Leben
Es brauche Energie, der Alltag müsse gut organisiert sein und man müsse Prioritäten setzen. Doch die Familie habe Verständnis und sei auch stolz, dass die Mutter durch ihre Arbeit erfüllt ist. Jungen Dirigentinnen rät sie: «Mutig sein! Nicht aufgeben. Und es ist spannend, dies mit den Kindern zu teilen.» Mit ihren Kindern macht sie regelmässig Musik: «Wir sind wie ein kleines Orchester.»
«Durch das Muttersein bin ich einen grossen Schritt in der inneren, emotionalen Welt vorangekommen.» Was ein Kind gibt, bekommt die Mutter: «Mein Herz ist ganz gefüllt.» Die Familie sei eine Ergänzung, kein Widerspruch.
Internationale Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Obwohl jedes Orchester anders ist und seine eigene Identität hat, sind für Céline Pellmont kulturelle Unterschiede im Klang, aber auch im Willen spürbar. In Deutschland sei der Klang sehr blechorientiert und kraftvoll: «Dies war für mich eine Herausforderung.» Denn in Frankreich klinge es filigraner. Man spiele lockerer und mache einfach Musik. In der Schweiz schätzt sie die Musikfeste, welche die Qualität deutlich anheben – dies auch dank der vielen gut ausgebildeten Dirigentinnen und Dirigenten.
Am Ende ist Musik eine universelle Sprache, stellt sie fest: Es bestünden zwar lokale Unterschiede in der Literaturwahl, aber der Prozess, ein Kunststück zu erschaffen, Gefühle aufzubauen und damit Menschen und Herzen zu erreichen sei überall gleich.
Über die Grenzen hinaus
Ein grosses Anliegen ist Céline Pellmont auch der Austausch zwischen den Ländern. So organisiert sie Projekte über die Grenzen hinaus. Auch wenn die Sprache anders sei, ermögliche dies viel Austausch und Verständnis für Musik als Kunstform. Soeben stehe ein Cross-Border-Doppelkonzert an: Ihr deutscher Verein ist zu einem französischen Festival eingeladen worden.
Was können CH-Orchester von F und D lernen?
Ein bisschen entspannter sein und ein bisschen Laissez-faire einfliessen lassen. An einem Biergartenkonzert mal in einer ungezwungenen Atmosphäre spielen. Da spiele man Musik, auch wenn das Publikum nicht gerade zuhört. Ihren Orchestern sage sie immer wieder, wie
wichtig ein Ständli sei. Gerade Unterhaltungsmusik wird unterschätzt.
Innovative Projekte sind wichtig
Für die Dirigentin ist es wichtig, immer wieder innovative Projekte zu machen. So hat sie erst kürzlich den Solotubisten Andreas Hofmeir eingeladen. Es war eine Überraschung vom Klang her: «Auch ich habe das Instrument neu kennen gelernt.» Zudem war es ein tolles Erlebnis, auch fürs Publikum. Crossover-Projekte mit Künstlern, die über die Region hinaus bekannt sind, öffnen den Horizont.
Das gemeinsame Musizieren von Profis und Amateuren empfindet Céline Pellmont immer als ein klangliches Erlebnis und es sei stets eine gute Gelegenheit, dadurch den Klang des Orchesters zu verbessern: Die Musikantinnen und Musikanten zu inspirieren, damit sie sich
nach oben orientieren, sei immer ihr Ziel.
Kerkrade
«Kerkrade ist die Championship der Blasmusikwelt und somit eine grosse Bereicherung. Eine super Möglichkeit, die besten Orchester der Welt zu hören. Es zeigt den Musikanten und Dirigentinnen auf, was möglich ist und erweitert den musikalischen Horizont. Zudem ermöglicht es Austausch und die Erweiterung des Netzwerks». Den Dirigierwettbewerb am WMC findet sie ebenfalls sehr wertvoll. Leider war sie noch nie dort. Vielleicht wird sie an der Studienreise des BDV nach Kerkrade teilnehmen …
Persönliches
Studium: Dirigieren in Versailles und Basel
Alter: 48 Jahre alt
Vereine: Musikverein Gelterkinden (BL), Musikverein Fahrnau (Deutschland)
Instrumente: Querflöte, Piccolo
Aktuelle Projekte: Teilnahme am Internationalen Osterfestival von Colmar/EMF Biel
Lieblingswerk: Variazioni sinfoniche su «Non potho reposare» von Hardy Mertens
Motto: «Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum» (F. Nietzsche) und «Carpe diem»